Zeit des Teufelskindes

Prolog

"Gute Bürger von Mus!", verlautete der gepanzerte Sprecher vom Podium auf der Mitte des Marktplatzes. Er war ein kleiner, dicker aber kräftiger Mann, der sich aufbaute wie eine Bulldogge vor seinem Herrn. Hinter ihm stand der Galgen der Stadt, der ihn bedrohlich überragte. Neben den geschäftigen Treiben in den Gassen der Marktstände, hatte sich um den Mann eine Traube von Menschen gebildet, die ihm seine Aufmerksamkeit schenkten. "Hört meine Stimme! Ich verkünde das Wort Lord Margos und unseres Königs Mortis."
Der Sprecher hielt inne und ließ die Pause wirken. Nachdem die Menschenmenge angewachsen und das Treiben ins Stocken geraten war, erhob der Mann wieder seine blaffende Stimme.
Er verkündete: "Es wird ein Junge gesucht, dessen Ergreifung tot oder lebendig mit einer Belohnung von 50 Golddukaten belohnt wird."

Der ganze Markt stand still und die Aufmerksamkeit stand nun schwer in der Luft. Fünfzig Golddukaten waren ein Vermögen. Ein Handwerker würde so einen Haufen Gold nicht in zwei Leben verdienen können.
"Er trägt sein langes Haar in Zöpfen, hat violette Augen und wirkt wie ein Kind von vierzehn Jahren. Eine Brandnarbe ziert seinen Rücken. Er reist allein", setzte der Hund des Lords fort.
"Was ist der Haken an der Sache?", erscholl eine helle Stimme aus einer Ecke der Menge. Es konnte kein Sprecher ausgemacht werden.

Bald darauf klang von der anderen Seite der Menge erneut eine Stimme. Sie rief zustimmend: "Ja genau. Der König würde uns doch nie so viel Gold schenken. Das kann doch kein normaler Junge sein."
Ein unruhiges Tuscheln durchzog die Menschentraube. Aufmerksamkeit wich der Unruhe und ein paar chaotische Punkte spickten die Zuhörerschaft. Der Sprecher kläffte gegen den aufkeimenden Lärm an:
"Ihr habt ja Recht. Das Kind ist versiert im Kampf mit Schwert und Dolch. Den Lord von Baroth tötete er mit Heimtücke, aber es bleibt ein Kind. Haltet Augen und Ohren auf! Ihr habt nichts zu befürchten!"
Die Unruhe ebbte nicht ab und lies das Volk von Mus in ein tratschendes Meer von kleinen Gruppen zerfallen. Die Neuigkeit, dass der Mörder Baroths des Starken sein Unwesen trieb, versetzte das arme Volk von Mus in Schrecken. Der Sprecher hätte in die Klappe unter ihm fallen können ohne bemerkt zu werden.
Aus den Wogen der Menschen schlich sich ein Junge mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Auch er wurde nicht beachtet.

Er trug die dunklen, indigofarbenen Gewänder der Wüstenvölker, die bis auf Gesicht und Hände keine Haut zeigten. Unter dem gleichfarbigen Turban schaute nur ein langer, geflochtener Zopf hervor.
In den Händen hielt er zwei Geldbörsen, die er zügig in den Weiten seiner Kleidung versteckte. Der Taschendieb lief an mir vorbei. Seine violetten Augen trafen die meinen. Sie waren viel mehr blau mit feinen, feuerroten Adern, die dahinter schienen. Ich blickte in sein Herz und meinem kleinen Körper kullerten die Tränen über die Wangen. Sogleich wusste ich, dass ich ihn gesucht hatte und dass ich ihm folgen musste.