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Kurzgeschichten

Sir Robert der Schlächter

Sir Robert der Schlächter

Ich trat eine Stufe weiter, einen Schritt tiefer. Jeder Tritt zeigte mir wie wenig wert mein Leben war.

Man hatte mich Sir Robert den Schlächter von Drachen und Riesen genannt. Ich war als das Idol für Ritterlichkeit und Heldenmut bekannt. Mein Ruf eilte mir immer voraus. Jungen standen Schlange und überhäuften mich mit Lob und Geschenken, um bei mir in die Lehre gehen zu können. Mehr Ruhm hätte ich in einem Leben wohl nicht erlangen können. Ich tat einen Schritt tiefer und all die Berühmtheit war bedeutungslos.

Ich hatte tausenden von Menschen das Leben gerettet. Einst tötete ich Egon den Schrecklichen. Er war der größte Feuerdrache gewesen, den ein Mensch je gesehen hatte. Der Kampf war der härteste meines Lebens. Mein Pferd und mein Knappe waren als Roast Beef aus den Kampf getreten. Mein Schild war nur noch ein Klumpen Eisenschmelze gewesen, aber ich hatte es geschafft mich auf Egon zu schwingen, ihm auf den Kopf zu Klettern und mein Schwert durch sein Auge ins Hirn zu bohren. Die ganze Stadt Ankor mit seinen 5000 Seelen rettete ich vor dem Feuertod. Ähnliche Erfolge erzielte ich mit Sorg dem Keulenschwinger, Mora der Eisfeuerdrachen, Golbat dem Schwarzen, Minga der Kräuterriesin … Es sind zu viele um sie aufzuzählen. Ich hatte wohl um die 50.000 Menschenleben gerettet. Mit dem Nächsten Schritt verflog jedes einzelne von ihnen.

Ich hatte Monumente errichtet, die die Jahrhunderte überdauern werden. In Ankor stand das ewige Feuer Egons, ein Denkmal zu meinen Ehren. Auf einem Turm aus Drachenknochen prangte an dessen Spitze eine Laterne aus der Feuerdrüse des Drachen. Sie würde Tag und Nacht leuchten und noch in hundert Jahren von seiner und Egons Geschichte zeugen. Aus Sorgs Keule wurde eine Statue geschnitzt nach meinem Antlitz, Mingas Topf diente als Zuhause für mindestens sechs Familien, Moras Schuppen deckten das Rathaus von Bunkera und Golbats Flügel gaben auf der Terasse der Helden in Laudana den Bewohnern an heißen Sommertagen Schatten. Niemand, der durch das Land zog, käme um eine Erinnerung an mich herum. Ich war unsterblich geworden auf der Welt. Mit dem nächsten Schritt tiefer war das ewige Leben auf Erden von keinem Belang mehr.

Ich stand vor dem großen eisernen Tor zur Unterwelt. Gruselige Fratzen zierten den Rahmen. Sie lachten mich aus, wollten mich erschrecken und konnten mir in die Seele blicken. Ich ignorierte sie, denn noch schaurigere Augen starrten hinter dem Tor aus der unendlichen Nacht hervor. Hundert paar Augen, die ich alle zu kennen glaubte, starrten mich wütend und erfreut an. Sie schienen hämisch zu lachen. Ich wünschte, dass ich mein Schwert zur Seite hätte, aber ich war nur eine einsame alte Seele und wehrlos der Ewigkeit ausgesetzt.

Panik ergriff mich. Ich versuchte mich zu drehen und den Weg zurück zu rennen. Jeder Schritt den ich weiter zurück tat, führte mich näher an die Pforte. Die Gestalten wurden immer deutlicher und ich erkannte jedes einzelne Detail wieder. Meine Panik wuchs und brachte mir nichts. Ich konnte nur durch das Tor treten und den Erfolgen meines Lebens entgegentreten.

Mein größter Sieg begrüßte mich Auge in Auge, wobei ihm eines fehlte. Ich spürte die Hitze des Drachenfeuers und den Schmerz des Todes. Egon machte einer Schlange von Drachen und Riesen Platz. Jeder wollte mich in der Hölle willkommen heißen und ich würde nie wieder sterben können. Eine Ewigkeit voller Leid und Qualen wartete auf mich. Ich wünschte mir nie am Leben gewesen zu sein.