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Kurzgeschichten

Daheim zwischen Wänden

Links, rechts, rechts, links, unten drunter durch. Die Wand hat eine Ecke mit einer schmalen Lücke, die man nicht sah wenn man nicht direkt davor stand. Der Gedanke an meinen Weg zu meiner Schlafecke ließ mich pausieren.
Dieser Ort war mein Element, mein Heim, mein Leben. All diese Wände und all diese Sackgassen waren für mich keine Grenzen und doch hielten sie mich in meiner Welt gefangen. Den Himmel kannte ich nur noch als blauen oder grauen Streifen über meinem Kopf. Die Sonne hatte ich nicht mehr in Erinnerung. Das Licht berührte so gut wie nie den Boden. Mal waren die Wände oben heller, mal waren sie dunkler. Ein Schauspiel für faule Tage.
Ich sah es mir nicht oft an. Wieso sollte ich auch? Wer braucht Licht. Licht macht nicht satt. Schreier und Heuler machen satt. Schreier aß ich am liebsten. Diese langbeinigen Wesen konnte ich nach Herzenslust jagen. Sie liefen und liefen, irrten und irrten, verzweifelten an jeder Sackgasse, schrien und schrien. Ihre Gesichter waren herrlich, wenn ich um Ecken kam, die sie nicht einmal bemerkt hatten. Wann hatte ich das letzte Mal Spaß mit einem Schreier gehabt? Wann hatte ich das letzte Mal das süße Fleisch gekostet?
Heuler saßen meistens in den Ecken und tropften aus allen Körperöffnungen. Sie stanken nach Schweiß, Tränen und Exkrementen. Sie waren nicht lecker aber machten satt. Ich wusste nie, wann der nächste Schreier kam, also verschlang ich auch die Heuler.
Was würde ich nicht für einen Heuler geben? Seit viel zu vielen Lichtwechseln gab es weder Schreier, noch Heuler. Der Geschmack war nur noch eine ferne Erinnerung.
Stecher waren die letzten Nahrungsmittel, die das Labyrinth betreten hatten. Stecher hasste ich. Sie liefen nie weg. Sie jagten mich mit ihren Metallstöcken, die mir nur Schmerzen machten. Ich musste immer lange weglaufen und mich verstecken bis sie nicht mehr stachen.
Sie schmeckten so ähnlich wie Schreier. Auch sie waren lange nicht mehr hier gewesen.
Wann war der letzte Stecher hier? Ich weiß es nicht mehr. Waren es zehn oder hundert Lichtwechsel gewesen? Ich hatte nicht mitgezählt.
Ich hatte auf jeden Fall unerträglichen Hunger. Wo war das Essen hin? Hatte man mir nicht versprochen immer für mich zu sorgen, so lange ich zu Hause blieb? Ich mochte mein Zuhause. Ich mochte den blauen Streifen und die Lichtwechsel, doch den Hunger hasste ich. Mit diesen Gedanken warf ich mich wieder gegen die hölzerne Öffnung. Ich musste raus. Ich musste Essen finden.
Ich warf mich wieder und wieder gegen das Holz. Ich hörte Schreier und Knarren. Meine Kraft wuchs mit meinem Appetit. Die Tür gab nach mit Krachen und Splittern.
Ich ließ die Mauern hinter mir, mein vertrautes Heim, mein Labyrinth. Vor mir war eine Welt mit niedrigen, dicken Mauern aus denen Schreier, Heuler und Stecher traten. Mein blauer Streifen über mir war weit und hell. Er tat mir in den Augen weh. Ein Schreier schrie "Minotaurus!". Viele Schreier liefen lärmend, nahmen Heuler an die Hände und suchten Schutz in ihren eigenen, fetten Mauern. Ich hatte Hunger und jagte sie. Dann kamen sie, sehr viele Stecher. Sie taten mir weh. Ich hatte keine Wände mehr zum Verstecken, also stachen sie mich oft. Ich fiel. Die Stecher gingen und der Schmerz blieb lange.
Jetzt bin ich müde.

Die Sonne brennt, es riecht nach Essen und nach Blut. Ich erinnere mich an meinen ersten Schreier. Auch damals brannte die Sonne und auch damals war der Himmel weit und der Boden in Blut getränkt. Der Schreier hatte gut geschmeckt. Ein bunter Stecher mit goldenen Metallstab hatte mich gefunden und mitgenommen. Er hatte mir mein Zuhause und das Versprechen auf lebenslange Schreier gegeben. Ich musste nur zu Hause bleiben. Warum hat er sein Versprechen gebrochen? Warum hat er mich verlassen?
Mit diesen Gedanken werde ich wohl nicht gut schlafen können, aber ich bin müde und die Schmerzen lassen endlich nach. Das Licht fängt an zu wechseln und die Sonne brennt nicht mehr. Der Verrat ist geschehen und das Blut ist warm. Ich schmecke Salz und der Hunger ist mir nicht mehr wichtig. Was kann ich anderes tun als schlafen und an zu Hause denken.

Links, rechts, rechts, links, unten durch, durch die Lücke und dann schlafen. Einen seligeren Gedanken hatte ich lange nicht mehr.